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Die Schlossherrin und die Windräder

Nein, das Schloßhotel Gattendorf ist kein 5-Sternehotel, und, nein, wir essen auch kein fürstliches Menü – Schloß Gattendorf ist eher ländlich mit Pferden, einem Esel, Katzen…., aber sympathisch.
Die Schloßherrin ist eine sehr offene und hilfsbereite Frau. Weil das Restaurant Ruhetag hat, zaubert sie für uns einen köstlichen Wurstsalat, serviert einen guten fränkischen Riesling und tut alles für unser Wohlbefinden. Am nächsten Tag fährt sie uns um 8:00 Uhr nach Ullitz, dem Start unsere nächsten Etappe.
In Erinnerung wird sie uns auch wegen der Windräder bleiben, die es hier wirklich zuhauf gibt.
In der Gegend sei es heute ja ganz schön windig. Ob das oft so sei, frage ich. „Wir sagen hier, dass es bei uns so windig ist, seit die Windräder hier stehen“.

Von Hranice bis Gattendorf – der Weg prosaisch


Eigentlich geht diese 2. Etappe bis nach Ullitz. Aber 27 Kilometer mit Gepäck wollten wir uns am Anfang der Tour nicht zumuten. Nun sind aber Übernachtungsmöglichkeiten in dieser Region Deutschlands rar gesät. Deswegen wollen wir nach 20 Kilometern Schluss machen und im Schloßhotel in Gattendorf übernachten.
Der Weg war gut zu finden. Er geht nicht nur durch eine Landschaft mit grandiosen Ausblicken und viel Abwechslung fürs Auge – mal Wald, mal Feuchtwiesen, mal Felder -, es ist auch ein Weg der Schicksalsorte, und nicht umsonst heißt ein Wanderweg so (WSO), der streckenweise auf dem Grünen Band verläuft.
Freies Schuss- und Sichtfeld!
So machen wir unser Frühstückspicknick nach Überquerung der Grenze auf einer Blumenwiese in der Nähe des Weilers Papstleithen, in der ehemaligen DDR-„Schutzzone“, in der viele Gehöfte und Häuser von DDR-Truppen dem Erdboden gleich gemacht worden sind. Es ist so idyllisch hier auf einem Boden, auf dem in der Vergangenheit so viel Unrecht geschehen ist. Hasenreuth zum Beispiel, in der Nähe von Nentschau, ist heute eine „Wüstung“, auf keiner topografischen Karte mehr erfasst. Jetzt steht dort eine Erinnerungsstele. 1952 wurden 2 Bauernfamilien im Rahmen der Aktion „Ungeziefer“ umgesiedelt, die Höfe zerstört, der Kontrollstreifen entstand: Freie Schussbahn!
Besonders hart traf es Papstleithen bei der 3. Umsiedlungsaktion 1972-1974. Heute gibt es kaum noch Spuren der einstigen Gehöfte, die wegen der „Sicherung der Grenze“ von der Landkarte verschwinden mussten. Nur die Erinnerungen der Nachkommen. Doppeltes Leid: Die betroffenen Familien wurden nach der Wende nach Urteil des Verwaltungsgerichtes Chemnitz nicht entschädigt – anders als übrigens in Thüringen. Mich wundert da nicht mehr, dass die Verbitterung bis heute anhält!


Nach Papstleithen betreten wir zum ersten Mal den Kolonnenweg, der uns jetzt bis zum Ende unserer Wanderung begleiten wird. Er führt durch bühende Feuchtwiesen, entlang kleiner Gewässer, in der es Flussperlmuscheln geben soll, bis zum Dreiländereck Sachsen – Tschechien – Bayern. Ein Feuchtgebiet mit kleinen Brückchen über plätscherndem Wasser. Die Grenzsteine dort stammen von 1848. Drei Königsreiche trafen hier aufeinander: Sachsen, Bayern und Österreich, später war hier die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, ab 1945 die innerdeutsche Grenze und die Grenze zur Tschechoslowakei.
Hier treffen wir erstmals an diesem Tag auf Menschen: Spaziergänger aus Tschechien und ein deutscher Radfahrer, der heute, am Sonntag, „mal schnell noch den ehemaligen DDR-Radweg“ fahren will. Auf unseren Hinweis, dass es in der DDR hier keinen Radweg gegeben hat und auch nicht geben konnte, war seine Antwort: Der heißt heute „green belt“. Aha!
Auf tschechischer Seite werden Biertische abgebaut und die Reste eines Volksfestes von gestern Abend beseitigt.
Wir wandern entlang der bayerisch-sächsischen Landesgrenze immer auf dem Kolonnenweg. Die Sonne sticht, aber es weht eine Brise, so dass das Gehen nicht so schwer fällt. Bei Gassenreuth (Sachsen) verlassen wir das Grüne Band und laufen noch ein paar Kilometer auf Landstraße und Feldweg bis nach Schloß Gattendorf (Bayern) hinauf, wo wir im Schloßhotel übernachten. Damit haben wir zwar auf die im Wanderführer als sehr schön beschriebene Strecke bis nach Ullitz  verzichtet – aber wir wollen ja Urlaub machen und keine Streckenrekorde brechen.

Nachtrag 2: Abschied vom Luxusetablissement

 

Die Nacht hatten wir in unseren Zimmern weniger geschlafen  und mehr gewartet, bis der Morgen graut: das Pfefferspray auf dem Nachttisch, möglichst wenig Berührung mit Kissen und Matraze, Schrecksekunde bei jedem Geräusch. Morgens miaut eine gelbe(!) Katze vor meinerTür. Zeit zu gehen. Nicht ohne ein paar Fotos (soviel Zeit muss sein, und soviel Panik war dann wohl doch nicht mehr).

Noch ein Schreckmoment, als der Schlüssel im Schloss der Außentür klemmte – und dann stehen wir draußen.

Viel zu laut lache ich auf dem Weg hinauf zur Grenze. Annette mahnt  zur Sonntagsruhe. Automatenkaffee gibt’s an der Grenztanke und dann sind wir schon bald auf dem Grünen Band und einer beeindruckenden Wanderung.

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