Bei den Bildern aus Heidenau musste ich an das Buch von Lucia Engombe „Kind Nr. 95 meine deutsch-afrikanische Odyssee“ denken.
Lucia wurde 1979 mit 7 Jahren mit 79 anderen namibischen Kindern aus Afrika in ein Kinderheim in die DDR verschickt. Mit 18 Jahren wird sie im August 1990 mit den anderen Kindern in die ihr nun völlig fremde Heimat zurück geflogen.
Aber warum Heidenau? Lucia Engombe berichtet in ihrem Buch von einer Lehrerin, die sie mit den anderen Kindern zum Kuchen essen privat nach Hause einlädt. Nur unter der Möglichkeit des Nachhilfeunterrichtes konnten die Kinder mit einem speziellen Ausweis ihr kaserniertes Wohnheim verlassen und die Lehrerin besuchen. Deutsche Jugendliche dürfen sie auch nicht im Wohnheim besuchen, um dort ungezwungen den Abend mit Musik in ihrem Club zu verbringen. Die Namibische SWAPO und die DDR-Funktionäre wollten möglichst keine Kontakte zu deutschen Jugendlichen. Die Briefe wurden ständig kontrolliert und zensiert. Ab 1989 gibt es eine kleine Verbesserung: Den Namibiern wird sonntags ermöglicht, in eine Staßfurter Disco zu gehen. Dort werden sie zunehmend unfreundlicher begrüßt. Nach dem Fall der Mauer verschärft sich die Situation in der Disco und mit Mühe erreichten sie ihr Wohnheim. Die Namibier, die in Staßfurt einkaufen, werden angerempelt und mit Schimpfworten bedacht. „Euch Schwarzen geht es gut, und wir können sehen, wo wir bleiben.“ Die ersten Steine fliegen und die Rufe „Ausländer raus“. Nun – mit der neuen Freiheit – hätten die deutschen Jugendlichen das Wohnheim und den dortigen Club betreten dürfen.
Aber alles kommt zu spät. Der Zaun zwischen den beiden deutschen Staaten ist gefallen, aber der Zaun der Unkenntnis zu den Ausländern wurde noch höher. Diese deutschen Bürger sind heute etwa 43 Jahre alt. Sind sie es, die zu den Asylantenwohnheime gehen und „Asylanten raus“ brüllen, obwohl auch sie sich mit großer Freude ihr Begrüßungsgeld von 100,-DM im Westen abholten?
Wer ist schuld? Ein Übel liegt sicher in der strikten Ausgrenzung der ausländischen Jugendlichen und bewussten Isolierung vom normalen Leben in der DDR. Es gab aber auch Menschen wie diese Lehrerin, die die Zäune der Ausgrenzung einreißen wollten und menschliche Solidarität vermittelten. Viele von ihnen kamen aus dem kirchlichen Umfeld.
Diesen Beitrag hat Kudu verfasst.