Die Nebel lichten sich, und es verspricht ein wunderbarer Wandertag zu werden. Dann ist mein Portemonnaie weg. Panik. Findet sich aber wieder. Ich werde nach dem Frühstück mit dem Auto wieder zurück zu meinem Ausgangspunkt nach Wenigentaft gebracht. Meine Fahrerin, Hotelangestellte, kommt aus der Gegend. Sie interessiert sich sehr für meine Wanderung. „Hier“, deutet sie auf eine Stelle an der Ulster, „ hier ist mein Bruder rüber. Wir kommen aus Buttlar. Hatten Landwirtschaft. Mein Bruder wusste, das an der Ulster Hundelaufanlagen waren. Da hat er Würste mitgenommen.“. Er war damals 21. Er hat es geschafft.
Das Grenzsicherungssystem bestand nicht nur aus dem Zaun, der über die Jahre immer mehr perfektioniert wurde. Da waren: eine 5 Kilometer breite Sperrzone, ein 500 Meter breiter Schutzstreifen und ein 10-Meter Kontrollstreifen. Sperrzone und Schutzstreifen durften nur unter bestimmten Voraussetzungen betreten werden; man brauchte einen Vermerk im Personalausweis, Besucher:innen benötigten einen Passagierschein. Direkt vor dem Schutzstreifen war ein Zaun mit elektronischen und akustischen Signalanlagen. Lag eine Ortschaft innerhalb des Schutzstreifens, wurde sie geschleift oder mit einer Betonmauer/Sichtblende umgeben. Innerhalb des Schutzstreifens befanden sich die Beobachtungs- bzw. Führtürme, die Hundelaufanlagen, der Kolonnenweg/Plattenweg mit den Peitschenlampen, links daneben der Kfz-Sperrgraben mit Betonplatten. Danach erst kam der über 3 Meter Höhe Metallzaun, eine freie Fläche und dann die eigentliche Grenze mit Grenzpfählen und -steinen. Flüsse wie z. B. die Werra erhielten Flusssperranlagen, die bis zum Boden reichten.
Anderes Thema. Ich lenke ab. „Aber heute ist die Landschaft entlang des Grünen Bandes ein Paradies. Orchideen habe ich gesehen. Ganze Ansammlungen davon entlang des Plattenweges.“ „ Ja, und Kuhschellen gibt’s hier viel. Aber früher wurde hier alles totgespritzt.“ Gemeint sind die Wiesen im Kontrollstreifen und bis zur Grenze. Das freie Schussfeld. „Und in den Dörfern sind sehr viele an Krebs gestorben“.
Ich hatte bis dahin immer gedacht, die Wiesen seien auch zu DDR-Zeiten ordentlich gemäht worden. Aber später am Tag wird mir das ungefragt bestätigt, als ich mit Verwandten eines Freundes an den Werrawiesen stehe: „Hier haben Sie damals alles abgespritzt.“
Am ehemaligen Bahnhof Wenigentaft steige ich aus. Das war vor der Teilung ein regionaler Verkehrsknotenpunkt, der dann, wie die gesamte Bahnstrecke, der Grenzsicherung zum Opfer fiel.
Ich gehe in den Ulstersack. Hier ragte das Gebiet der BRD wie ein Sack in die DDR. Hauptsächlich bestand der „Sack“ aus Wiese. Heute morgen, als ich auf dem Ulster-Radweg dort entlang gehe, sehe ich ein Paar Schwarzstörche. Wunderbar. Ich fotografiere, aber immer wenn ich näher komme, fliegen sie auf.
Am Flaschenhals des Ulstersacks biege ich ab und hinauf in den Wald. Hier strengt das Aufsteigen noch nicht so an. Ausserdem ist der Kolonnenweg überschottert. Es ist früher Morgen, die Natur erfrischt und die Vögel zwitschern. Bald bin ich an der Winterliete, einem vergessenen Beobachtungsturm, der heute unter Denkmalschutz steht.
Und da sehe ich ihn zum ersten Mal: den Monte Kali von Hattdorf. Er wird mich den Rest der Wanderung dieses Tages begleiten, mal weiter entfernt, mal ganz nah.
Aber erst einmal muss ich steil runter zur Strasse Glaam -Unterbreizbach – und dann gleich wieder hoch.
Die Kali-Abraumhalde ist jetzt ganz nah. Monströs. Mir kommt sie vor wie von einem anderen Stern oder wie eine Düne in der Wüste. Nur das üppige Grün stört die Vorstellung. Mehr zum Kali-Abbau in einem anderen Blog.
Es zieht sich jetzt. Runter zur Ulster nach Unterbreizbach, entlang der Ulster, und dann nochmal steil hoch. Nach einem 20 Kilometern liegt Vacha unter mir. Da werde ich erwartet.
Die Beschreibung der Grenzsicherungsanlagen ist perfekt. Wir hier in Benneckenstein haben auch damit leben müssen! Weiterhin guten Weg! Jürgen